top of page
Blick ins Buch
“Nur verletzte Menschen verletzten andere. Hass und Wut entspringt immer der Angst und spiegelt unsere Sehnsucht nach Liebe.” Andrea Niendorf

Gewidmet all den ca. 3 Millionen Kindern aus alkoholabhängigen Familien, die zumeist im Schatten stehen.

 

 

1. Kapitel: Die neue Wohnung

 

Es war Sonntag. Einer jener, der eigentlich gar kein richtiger Sonntag war.

Sicher, denn so ein Sonntag war seit jeher immer etwas Besonderes. Er gestaltete sich hin und wieder ruhig, aber auch bunt, wild und steckte voller Überraschungen.

Kurzum, an einem Sonntag tat man gewisse Dinge, für die an den übrigen Tagen meist keine Zeit blieb.

Dieser Sonntag jedoch war trist und grau und kam ebenso öde daher wie all die übrigen Tage der Woche.

Leon schaute in den Spiegel, der schief über dem Waschbecken hing und erschrak. Kein Wunder, denn der Junge der ihm dort entgegenstarrte, war ihm fremd. Mehr noch, er machte ihm Angst, löste eine nie gekannte Panik in ihm aus.

Hinsichtlich jener fahlen, nahezu geisterhaften Gesichtshaut war dies auch nicht verwunderlich. Zudem nisteten tiefe, dunkle Ringe unter den geröteten Augen, die scheinbar die ganze Nacht vor dem Fernseher zugebracht hatten.

„ Hm, fast wie ein Zombie", dachte Leon und fuhr sich hastig durch das blonde struppige Haar. „Puh, richtig zum Fürchten sehe ich aus." Schaudernd wandte er sich ab und verließ das Badezimmer. Draußen auf dem Flur entdeckte er Marie, seine fünfjährige Schwester. Die nackten Beine fest an den mageren Körper gepresst, kauerte sie dort in einer Ecke.

„ Ja ja, ich weiß schon," flüsterte Leon, während er sie behutsam zurück in ihr Bett trug. „Du hattest mal wieder so einen bösen Traum." Marie antworte nicht. Sie nickte nur.

Das tat sie für gewöhnlich. Nicht, weil sie etwa stumm war. Nein, im Gegenteil. Hätte sie gewollt, dann wäre sie die ungekrönte Königin im Geschichten erzählen. Klar, wenn sie gewollt hätte. Jedoch sie wollte nicht. Mehr noch, sie weigerte sich strikt auch nur einen einzigen Buchstaben aus ihrem Mund gleiten zu lassen und das bereits seit vielen Jahren.

„Na - und wenn schon", dachte Leon. Für ihn war das kein Problem. Er liebte seine Schwester, so wie sie war, ohne wenn und aber.

Im Gegensatz zu den Erwachsenen. Die machten mal wieder aus einer Mücke einen Elefanten. Oh Mann, weshalb kapierten die eigentlich nicht, dass Marie keine Lust auf ihre blöden Fragen hatte. Fragen - Antworten, die sie dann sorgfältig tippten, ausdruckten und anschließend in grünen oder blauen Aktendeckel verschwinden ließen.-

 

All dies brauchte Leon zum Glück nicht.

Denn, wenn er wissen wollte was Marie gerade fühlte, musste er lediglich in ihre großen dunklen Augen schauen. Darin spiegelten sich Kummer und Schmerz ebenso wieder, wie Angst, Zorn oder gelegentliche Freude. -Letzteres kam jedoch äußerst selten vor.

Leise, auf Zehenspitzen schlich Leon aus dem Zimmer. Er hatte soeben die Tür hinter sich geschlossen, da passierte es. Eine dicke Träne kullerte langsam seine Wange hinunter. Hastig wischte er sie fort.

 

„Mist, so etwas blödes aber auch“, dachte Leon.

Er wollte doch nicht mehr heulen. Nein, nie und nimmer wollte er das. Und schon gar nicht heute, an seinem zwölften Geburtstag. Heulen war nämlich nur etwas für Weicheier. Und überhaupt, so ein Geburtstag war schließlich nichts besonderes. Es war ein Tag wie jeder andere. Ein ganz normaler Tag eben. Einer, der sich prima dazu eignete sein Zimmer aufzuräumen, den Müll nach unten zu tragen, oder es sich mit Chips und Cola vor dem Fernseher gemütlich zu machen.

„Unsinn", fuhr jemand lautstark dazwischen.

„Was redest du denn da?"

Jenes energische Stimmchen gehörte dem Dumpel-Kumpel, eine Art Kobold.

Allerdings existierte dieser bloß in Leons Fantasie.

Eines Nachts, Leon konnte mal wieder nicht einschlafen, hatte er ihn sich kurzerhand ausgedacht. So, wie man einen Hund erfindet, den man partout nicht geschenkt bekommt, weil angeblich die nötige Zeit zum Gassi gehen fehlt.

Zugegeben, nun war der Dumpel-Kumpel zwar kein Hund. Dafür jedoch ein quirliges, aufgewecktes Kerlchen mit stecknadelgroßen Augen, zerzaustem rotbraunem Fell, sowie einem langen dünnen Schwanz, der stolz, wie eine Fahnenstange in die Höhe ragte.

Doch HALT! STOPP! Das war beileibe noch nicht alles. So ein Dumpel-Kumpel war nämlich ein Tausendsassa. Beispielsweise konnte er fantastisch tauchen, ohne dabei nass zu werden.

Kein Scherz, so etwas gab es wirklich.

So ein Dumpel- Kumpel war nämlich im Stande schnurstracks hinab in Leons geheime Gedankenwelt zu gleiten und nach allem zu buddeln, was Leon sich nicht zu sagen traute. Bei genauerer Betrachtung war er also ein Schatzsucher. Einer, der bei seiner Arbeit tüchtig ins Schwitzen geriet. Gewiss, denn Leon hatte seine Schätze gut versteckt. Auf dem Grund seiner Seele lagerten sie. Was unweigerlich zu manch einem Missverständnis führte.

Doch dazu später, denn - natürlich war Leon der Geburtstag nicht egal gewesen. Im Gegenteil, insgeheim hatte er sich riesig darauf gefreut. Zudem hoffte er, Mama würde ihm vielleicht sogar einen Kuchen backen. Goldgelb, bestrichen mit fingerdicker Schokolade und einer Kerze in der Mitte. Die hätte er dann ausgepustet und sich hinterher etwas gewünscht.

 

Leon seufzte. Es wurde ein langer, kummervoller Seufzer. Einer, der scheinbar überhaupt nicht mehr enden wollte.

„Hm", dachte er und stieß dabei absichtlich mit dem Knöchel gegen das Tischbein ohne auch nur den geringsten Schmerz zu empfinden.

Mama hatte seinen Geburtstag vergessen!

Viel, viel später erst, unter einem Haufen bunter Illustrierter, entdeckte er ihren Glückwunsch. Eine tellergroße Zwölf, die aus lauter bunten Marienkäfern bestand. „Alles Gute zum Geburtstag" stand dort bereits gedruckt. Den Rest hatte Mama hastig mit Bleistift an den Rand gekritzelt.

„Hab ein paar schöne Stunden und jede Menge Spaß, mein Großer!"

Spaß? Verflixt, erneut huschte eine Träne über Leons Wange. Zu ihr gesellte sich eine Zweite, dann eine Dritte, gefolgt von einer Vierten. Sie alle endeten schließlich in einem Wasserfall.

 

 

Die Zeit verging nur schleppend an jenem Sonntagvormittag. Vielleicht, weil Leon fast ununterbrochen auf die hölzerne Wanduhr im Wohnzimmer starrte. Er langweilte sich, wusste nicht recht womit er sich beschäftigen sollte.

Um sich ein wenig abzulenken lief er ein paar Mal durch die neue Wohnung. Zweifelsohne, sie war scheußlich!

Schon gestern, als er sie zum ersten Mal betreten hatte, befiel ihn so ein unangenehmes Gefühl. Vielleicht wegen der abgerissenen Tapeten im Flur. Womöglich lag es aber auch bloß am feucht muffigen Geruch, der allen Anschein nach vom Schimmel an den Wänden rührte.

„Bestimmt gibt es hier massenhaft Ratten", murmelte Leon und verdrehte dabei angewidert beide Augen. Er hasste diese Tiere. Gleichzeitig bewunderte er sie, weil sie scheinbar jedes noch so großes Hindernis überwanden und immer genau wussten wann Gefahr drohte.

Leon überlegte, ob er rasch ein wenig Ordnung schaffen sollte. Vielleicht konnte er Mama damit eine Freude machen. Früher war es ihr nämlich immer sehr wichtig gewesen, dass alles blitzblank war. Ja früher, aber das war lange her.

Leon griff nach einem Besen, der achtlos an der Wand lehnte. Doch dann überfiel ihn auf einmal eine starke Müdigkeit und er ließ sich rücklings auf das abgewetzte Sofa im Wohnzimmer plumpsen. Kurz darauf schlief er ein. Er träumte von einem Garten. Einem, in dem es riesigen Sonnenblumen gab auf denen man zelten konnte. Er träumte, dass Mama mit der Sonne um die Wette lachte und einfach nur glücklich war. Und er träumte von Papa, der mit Marie wilde Purzelbäume schlug und Leon dazu aufforderte, es ihnen gleich zu tun.

Als Leon wieder wach wurde, mochte er die neue Wohnung noch viel weniger. Am liebsten wäre er einfach aufgesprungen und weggelaufen. Jedoch wohin sollte er gehen?

Sein altes Zuhause war sicher schon längst wieder bewohnt. Mit Leuten die keine Probleme machten und zudem ihre Miete pünktlich zahlten.

„ Seid froh, dass euch überhaupt noch jemand eine Chance

gibt", hatte ihnen der Hausmeister zum Abschied hinterher gerufen. Währenddessen lag auf seinem Mund ein breites gemeines Grinsen. Daraufhin hatte Mama sich umgedreht und ihn teilnahmslos angestarrt. Was den Hausmeister, einen feisten, untersetzten Kerl mit Stirnglatze, erst richtig motivierte.

Leon ballte innerlich die Fäuste. Nur all zu gern hätte er diesem Fiesling ein Bein gestellt. Zumal er sah wie Mamas Hände mehr und mehr zu zittern begannen. Mama hatte es ebenfalls bemerkt und versuchte nun mit aller Kraft ihr Zittern zu unterdrücken. Jedoch vergebens, das Zittern wurde stärker und überwältigte sie schließlich.

Leon biss sich verzweifelt auf die Zunge.

„ Komm", raunte er ihr leise zu ohne, dass der Hausmeister auf ihn aufmerksam wurde.

„ Komm!" Die Möbelpacker sind sicher schon fertig." Rasch griff Leon nach Mamas Arm und zerrte sie hinüber auf die andere Straßenseite. Dicht gefolgt von Marie, die gedankenverloren am Daumen lutschte.

 

 

Mama hatte sich zum Glück nicht gewehrt in den Transporter zu steigen, der abfahrbereit vorm Hauseingang parkte.

„ Hilfst du mir gleich beim Einräumen ?", fragte Leon seine Mutter, nachdem die Männer alles abgeladen hatten. Mama antwortete nicht, sondern verschwand wortlos im Badezimmer.

Als sie nach wenigen Minuten zurückkehrte, wirkte sie deutlich entspannter.

„ Ich….ich brauch kurz frische Luft", erklärte sie Leon.

„ Und - wann bist du zurück?"

„Schon bald," versprach Mama ihm. „Sehr bald sogar. Du kannst dich auf mich verlassen!"

 

 

Mittlerweile war es Mittag und von Mama fehlte nach wie vor jede Spur.

Marie schien das jedoch nicht weiter zu beunruhigen. Im Gegenteil, sie genoss es mit Leon alleine zu sein.

„ Na, du kleine Kröte", fragte dieser lächelnd, als Marie zu ihm ins Wohnzimmer kam.

„Bist du etwa hungrig?"

Marie schüttelte den Kopf.

„ Ich auch nicht", erwiderte Leon und trat zusammen mit ihr ans Fenster.

Vielleicht, so hoffte er im Stillen, vielleicht würde er irgendwo da draußen, inmitten dieser grauen, trostlosen Betonwüste, seine Mutter finden. Womöglich bog sie gerade um die Ecke. Wer weiß, vielleicht sogar mit einem Geschenk unter dem Arm, das sie unterwegs noch schnell für ihn gekauft hatte. Tankstellen, die rund um die Uhr geöffnet hatten, gab es schließlich zur Genüge.

Doch so sehr er sich auch reckte, streckte und seinen Hals, wie eine Giraffe in die Höhe schnellen ließ, er konnte Mama nirgendwo entdecken. Dafür erregte etwas anderes seine Aufmerksamkeit. Eine kleine Wiese, die ein einziger Sonnenstrahl für Sekunden zum Leuchten brachte so, als wäre sie ein Diamant.

Leon schloss die Augen und stellte sich vor barfuß durch das weiche feuchte Gras zu tanzen. Die angenehme Kühle des Taus zwischen seinen Zehen zu spüren. Früher hatte er das oft gemacht. Da war er stundenlang durch Wiesen und Felder gestreift. Manchmal hatte Papa ihn dabei begleitet. Unterwegs erzählten sie sich dann Geschichten von furchtlosen Piraten und schlitzohrigen Klabautermännern. Oder ? Nun ja - oder sie schmiedeten Pläne für die großen Ferien, die sie meist alle gemeinsam am Meer verbrachten. Leon liebte das Meer. Papa brachte ihm dort das Tauchen bei und von Mama lernte er kraulen und Brustschwimmen.

Doch dann, eines Tages wurde es rund um Leon plötzlich finster. Man könnte auch sagen, rabenschwarz.

Papa verlor nämlich seinen Job und fuhr mit seinen Gefühlen von

nun an ständig Achterbahn. Da nützte es auch nichts, dass Leon versuchte ihn immer wieder aufzuheitern, in dem er komischen Grimassen schnitt oder - auf beiden Händen durch die Wohnung stolzierte.

Und so verging Woche für Woche. Monat um Monat ohne, dass Papa eine neue Arbeit fand. Mama war deswegen sehr aufgebracht und machte ihm ständig Vorhaltungen.

Zudem nannte sie ihn einen elenden Versager, dem sie besser nie begegnet wäre.

Bald darauf kam dann Marie auf die Welt. Jedoch auch sie vermochte es nicht, die Eltern wieder miteinander zu versöhnen.

Im Gegenteil, von da an stritten sie sich nur noch heftiger. So heftig, dass Leon nicht selten Schutz unter seiner Bettdecke suchte. Nur einmal, ein einziges Mal kam er spontan ins Zimmer gestürmt und hat ganz laut

"A UF H Ö R E N !" gebrüllt. So laut, dass jeder der Nachbarn es deutlich hören konnte. Sogar die alte Frau Meierfeld, die von sich stets behauptet hatte, stocktaub zu sein.

Leon störte das nicht. Es war ihm egal. Ganz im Gegensatz zu Papa. Dem war die Sache schrecklich peinlich, sodass er umgehend seine Sachen packte und ohne ein Wort die Wohnung verließ. Irgendwann ist dann auch Leon gegangen, aber nicht so weit weg wie Papa. Nein, bloß auf die andere Straßenseite, hinüber zum Spielplatz.

Als er zurückkam saß Mama in der Küche und heulte Rotz und Wasser.

„ Das…das ist alles nur deine Schuld", schluchzte sie inmitten von Papiertaschentüchern, die allmählich die Höhe des Mount Everest erreichten.

„Wegen dir hat Papa uns jetzt nicht mehr lieb."

Mehr hat sie an diesem Abend nicht gesagt. Auch nicht an den Folgenden. Das tat unheimlich weh. Viel mehr, als wenn Mama laut mit ihm geschimpft hätte.

 

Erst am fünften Tag hatte Mama wieder mit Leon gesprochen. Ganz ruhig, ohne zu schreien oder ihm gar Vorwürfe zu machen. Aber nicht nur das. Sie kochte sogar heißen Kakao und stellte frische Blumen auf den Tisch.

„Papa kommt heute zurück“, verkündete sie bester Laune.

„Ich spüre das! Ich spüre das ganz genau!“

Leon schaute sie an und sein Kummer war wie weggeblasen.

„Vielleicht“, so hoffte er inständig. „Vielleicht wird ja jetzt alles wieder gut. So….so wie in meinem Traum.“

 

Papa kam nicht mehr.

Nicht an diesem, noch an den folgenden Tagen.

Er rief auch nicht an oder schickte eine Sprachnachricht, so wie früher, wenn er für längere Zeit auf Geschäftsreise war.

Daraufhin veränderte sich Mama. So, wie ein Chamäleon, das seine Farbe schrittweise wechselt.

Sie redete kaum noch mit Leon. Und in den Arm, so wie früher, nahm sie ihn auch nicht mehr.

Selbst die Einkäufe erledigte sie inzwischen ohne seine Hilfe.

Vermutlich wegen dem übel riechenden Schnaps, den Leon partout nicht zu Gesicht bekommen sollte. Den kaufte sie gleich dutzendweise und versteckte ihn anschließend zwischen ihrer Wäsche.

Leon machte das sehr wütend. Zugleich ließ es ihn aber auch unheimlich traurig werden.

Manchmal, da war er so verzweifelt, dass er das ganze Zeug einfach ins Klo spülte.

bottom of page